Ulrich Kilger, Student der Pädagogik an der Universität Leipzig, durch ein Sowjetisches Militärtribunal in einem politischen Willkürprozess zu 25 Jahren Zwangsarbeitslager verurteilt, Lagerhaft bei Bratsk.


Erlebnisbericht

Ulrich Kilger,
Student der Pädagogik an der Universität Leipzig, durch ein Sowjetisches Militärtribunal in einem politischen Willkürprozess zu 25 Jahren Zwangsarbeitslager verurteilt, Lagerhaft bei Bratsk.

Am 26. April 1952 kam ich von einer Vorlesung und wollte zu meiner damaligen Studentenbude in Leipzig S 36, Nibelungenring 56. Auf der Hälfte des Weges kamen mir zwei Herren mit den Händen in den Taschen entgegen und fragten mich, ob ich Herr Kilger sei. „Ja, worum handelt es sich?“ „Es ist nur eine Befragung, wir müssen Sie mal mit aufs Revier nehmen.“ Auf dem Revier in Dölitz wurde mir der Ausweis abgenommen und nicht zurückgegeben. In einem BMW wurde ich sofort zum Hauptpolizeirevier in der Wächterstraße gefahren. Dort saß ich einige Minuten mit einem Sicherheitsbeamten auf einer Bank im Flur, bis mich ein anderer Wagen abholte, die Insassen dieses Wagens verstanden die deutsche Sprache nicht mehr. Die Fahrt endete in Leipzig, Nordplatz 5 in einer russischen Kommandantur des NKWD. Dort konnte ich bis spät in der Nacht in einem völlig leeren Zimmer auf einem Stuhl warten. Zu meinem Schutz saß ein Posten mit der MP vor der offenen Tür.

Gegen 3.30 Uhr holte man mich zum ersten Verhör. „Alle Ihre Freunde sind verhaftet,“ was ich schweigend zur Kenntnis nahm. Man fragte mich nun, warum ich in Berlin gewesen sei, wo ich mir im November 1951 in Westberlin ein Paar Schuhe gekauft hatte. Nach langem Schweigen machte man mir das Angebot, für die Russen zu „arbeiten“.
Gegen 3.30 Uhr holte man mich zum ersten Verhör. „Alle Ihre Freunde sind verhaftet,“ was ich schweigend zur Kenntnis nahm. Man fragte mich nun, warum ich in Berlin gewesen sei, wo ich mir im November 1951 in Westberlin ein Paar Schuhe gekauft hatte. Nach langem Schweigen machte man mir das Angebot, für die Russen zu „arbeiten“. Zum Arbeiten war ich generell bereit, doch als ich mich näher nach der Art der „Arbeit“ erkundigte, hieß es: „Sie werden in Berlin studieren und Sie werden uns Angaben über Personen machen, die wir Ihnen nennen werden!“ Dieses Angebot lehnte ich aus Gewissensgründen ab. Daraufhin war das Verhör sofort beendet; nachdem man mir alle Wertsachen und den Inhalt der Taschen abgenommen hatte, wurde ich in einen Holzverschlag auf dem Dachboden gebracht. Am Sonntagmorgen hörte ich ein letztes Mal Leipziger Glocken und erwachte mit schrecklichem Hunger. Gegen 14.30 Uhr holte man mich zum Essen und zum nächsten Verhör. Unter furchtbarem Geschrei des untersuchenden Offiziers wurde ich beschuldigt, mit meinen Freunden antisowjetische Flugblätter gelesen und verteilt zu haben. Noch als Schüler hatte ich von einem Lehrer zwei erhalten und gelesen. Außerdem wurde mir der Kontakt zu einem Bekannten aus der Meuselwitzer „Jungen Gemeinde“ vorgeworfen.