{"id":548,"date":"2018-11-22T12:44:04","date_gmt":"2018-11-22T12:44:04","guid":{"rendered":"http:\/\/quellen.geschichte.uni-leipzig.de\/?p=548"},"modified":"2018-11-22T17:15:19","modified_gmt":"2018-11-22T17:15:19","slug":"ulrich-kilger-student-der-paedagogik-an-der-universitaet-leipzig-durch-ein-sowjetisches-militaertribunal-in-einem-politischen-willkuerprozess-zu-25-jahren-zwangsarbeitslager-verurteilt-lagerhaft-be","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quellen.geschichte.uni-leipzig.de\/?p=548","title":{"rendered":"Ulrich Kilger, Student der P\u00e4dagogik an der Universit\u00e4t Leipzig, durch ein Sowjetisches Milit\u00e4rtribunal in einem politischen Willk\u00fcrprozess zu 25 Jahren Zwangsarbeitslager verurteilt, Lagerhaft bei Bratsk."},"content":{"rendered":"<h1>Erlebnisbericht<\/h1>\n<p><strong>Ulrich Kilger,<\/strong><br \/>\n<strong>Student der P\u00e4dagogik an der Universit\u00e4t Leipzig, durch ein Sowjetisches Milit\u00e4rtribunal in einem politischen Willk\u00fcrprozess zu 25 Jahren Zwangsarbeitslager verurteilt, Lagerhaft bei Bratsk.<\/strong><\/p>\n<p>Am 26. April 1952 kam ich von einer Vorlesung und wollte zu meiner damaligen Studentenbude in Leipzig S 36, Nibelungenring 56. Auf der H\u00e4lfte des Weges kamen mir zwei Herren mit den H\u00e4nden in den Taschen entgegen und fragten mich, ob ich Herr Kilger sei. \u201eJa, worum handelt es sich?\u201c \u201eEs ist nur eine Befragung, wir m\u00fcssen Sie mal mit aufs Revier nehmen.\u201c Auf dem Revier in D\u00f6litz wurde mir der Ausweis abgenommen und nicht zur\u00fcckgegeben. In einem BMW wurde ich sofort zum Hauptpolizeirevier in der W\u00e4chterstra\u00dfe gefahren. Dort sa\u00df ich einige Minuten mit einem Sicherheitsbeamten auf einer Bank im Flur, bis mich ein anderer Wagen abholte, die Insassen dieses Wagens verstanden die deutsche Sprache nicht mehr. Die Fahrt endete in Leipzig, Nordplatz 5 in einer russischen Kommandantur des NKWD. Dort konnte ich bis sp\u00e4t in der Nacht in einem v\u00f6llig leeren Zimmer auf einem Stuhl warten. Zu meinem Schutz sa\u00df ein Posten mit der MP vor der offenen T\u00fcr.<br \/>\n<div class=\"su-pullquote su-pullquote-align-left\">Gegen 3.30 Uhr holte man mich zum ersten Verh\u00f6r. \u201eAlle Ihre Freunde sind verhaftet,\u201c was ich schweigend zur Kenntnis nahm. Man fragte mich nun, warum ich in Berlin gewesen sei, wo ich mir im November 1951 in Westberlin ein Paar Schuhe gekauft hatte. Nach langem Schweigen machte man mir das Angebot, f\u00fcr die Russen zu \u201earbeiten\u201c.<\/div>Gegen 3.30 Uhr holte man mich zum ersten Verh\u00f6r. \u201eAlle Ihre Freunde sind verhaftet,\u201c was ich schweigend zur Kenntnis nahm. Man fragte mich nun, warum ich in Berlin gewesen sei, wo ich mir im November 1951 in Westberlin ein Paar Schuhe gekauft hatte. Nach langem Schweigen machte man mir das Angebot, f\u00fcr die Russen zu \u201earbeiten\u201c. Zum Arbeiten war ich generell bereit, doch als ich mich n\u00e4her nach der Art der \u201eArbeit\u201c erkundigte, hie\u00df es: \u201eSie werden in Berlin studieren und Sie werden uns Angaben \u00fcber Personen machen, die wir Ihnen nennen werden!\u201c Dieses Angebot lehnte ich aus Gewissensgr\u00fcnden ab. Daraufhin war das Verh\u00f6r sofort beendet; nachdem man mir alle Wertsachen und den Inhalt der Taschen abgenommen hatte, wurde ich in einen Holzverschlag auf dem Dachboden gebracht. Am Sonntagmorgen h\u00f6rte ich ein letztes Mal Leipziger Glocken und erwachte mit schrecklichem Hunger. Gegen 14.30 Uhr holte man mich zum Essen und zum n\u00e4chsten Verh\u00f6r. Unter furchtbarem Geschrei des untersuchenden Offiziers wurde ich beschuldigt, mit meinen Freunden antisowjetische Flugbl\u00e4tter gelesen und verteilt zu haben. Noch als Sch\u00fcler hatte ich von einem Lehrer zwei erhalten und gelesen. Au\u00dferdem wurde mir der Kontakt zu einem Bekannten aus der Meuselwitzer \u201eJungen Gemeinde\u201c vorgeworfen.<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dieser junge Mann hatte mich von Westberlin aus noch einmal in Leipzig besucht. Sp\u00e4ter ist er verhaftet und zur Nennung von Namen aus seinem alten Bekanntenkreis gezwungen worden. Diese Bekanntschaft wurde vom Untersuchenden als Spionage bezeichnet. Zum Schluss des Verh\u00f6rs er\u00f6ffnete man mir, dass ich ein Verbrecher sei.<br \/>\nBei Einbruch der Dunkelheit kam ein \u201eBlechwagen\u201c, in dessen Einzelzelle ich nach Potsdam gefahren wurde, auch andere Gefangene scheinen im gleichen Wagen mit transportiert worden zu sein. Die Fahrt ging nach Norden, dies merkte man an den Ausweichstellen bei zerst\u00f6rten Br\u00fccken der Autobahn. Die Tour endete in einem Kasernengel\u00e4nde, ein hoher Bretterzaun mit Wacht\u00fcrmen an den Ecken, alles taghell beleuchtet. Wie es hie\u00df, waren wir in Potsdam in der Mierbachstra\u00dfe. Das Gebetsl\u00e4uten einer naheliegenden Kirche gr\u00fc\u00dfte uns jeden Tag und teilte ihn uns ein.<br \/>\nNach intensivem \u201eFilzen\u201c wurde ich in Zelle 22 eingeliefert, in der ein russischer Oberleutnant namens Moruschkin auf sein Urteil wartete. Am n\u00e4chsten Vormittag kam ein Posten mit einer Haarschneidemaschine und s\u00e4mtliche Kopfhaare fielen mir auf die Knie. Diese Prozedur wurde alle 10 Tage beim sogenannten Baden am ganzen K\u00f6rper wiederholt.<br \/>\nMitten in der Nacht, l\u00e4ngst nach \u201eOtboi\u201c (Zapfenstreich) wurde ich aus dem Schlaf gerissen und von einem Posten mit MP ins Zimmer eines Untersuchungsrichters gebracht, das in einem anderen Geb\u00e4ude lag. Das Zimmer war zun\u00e4chst unbesetzt, nur ich sa\u00df auf einem Stuhl und nickte langsam ein. Pl\u00f6tzlich strahlte mich ein greller Scheinwerfer an und eine Stimme aus dem Dunkel br\u00fcllte: \u201eWer hat Waffe gehabt?\u201c Ich konnte ruhig antworten: \u201eIch wei\u00df es nicht!\u201c Ein mit mir verhafteter Meuselwitzer hatte als Zw\u00f6lfj\u00e4hriger eine Pistole mit noch einer Kugel aufgesammelt, die vielleicht ein Landser weggeworfen hatte, der f\u00fcr sich den Krieg beendete. Diese Pistole und ein handgefertigter Gummikn\u00fcppel (eine Kirschplantage sollte nachts bewacht werden!) waren die \u201eBeweismittel\u201c, mit diesen Waffen sollten wir sieben Angeklagten einen Aufstand gegen die Rote Armee vorbereitet haben. Dazu wurde jegliches Gespr\u00e4ch unter Freunden vom Untersuchungsrichter als \u201eAnti-Sowjethetze\u201c bezeichnet und so notiert. In der Abiturklasse war z.B. \u00fcber die mangelnde Ern\u00e4hrung diskutiert worden, und ein Junge hatte dazu bemerkt: \u201eWir m\u00fcssen ja auch die 500.000 Sowjetarmisten mitern\u00e4hren!\u201c Darauf der Einwurf eines Mitsch\u00fclers: \u201eEs sind sogar 700 000 Russen!\u201c Diese banalen, m\u00f6glicherweise wahrheitsgem\u00e4\u00dfen \u00c4u\u00dferungen brachten uns allen die Spionageanklage ein! (Weitergabe von Truppenst\u00e4rken!)<\/p>\n<p><!--nextpage--><br \/>\nDie Verh\u00f6re liefen \u00fcber Wochen, \u00fcberwiegend wurden sie nachts durchgef\u00fchrt. Jegliche \u00c4u\u00dferung wurde meist als \u201eunwahr\u201c bezeichnet, man wurde stets unter Druck gesetzt. \u201eWenn Sie nicht die Wahrheit sagen, werden Sie morgen mit diesem Gummikn\u00fcppel geschlagen!\u201c Der Untersuchende schrieb stets mehrere DIN A4-Seiten mit seinen Interpretationen voll, die man tief in der Nacht Blatt f\u00fcr Blatt zu unterschreiben hatte. Sich gegen den Inhalt der Schriftst\u00fccke aufzulehnen war zwecklos. Erstens konnte man sie gar nicht lesen, weil sie stets in Russisch geschrieben waren, zweitens wollte man noch ein paar Stunden Schlaf haben bis zum Wecken (ca. 6 Uhr). Schlafen am Tage wurde mit Stehen bestraft. Alle paar Minuten lugte der Wachhabende durch die Zellent\u00fcr. Das Inventar der Zellen bestand aus einer Holzpritsche als Nachtlager (nur 1 Decke) und einem verkleideten Heizk\u00f6rper, auf dem ein Wassertopf stand. In einer Ecke stand ein K\u00fcbel, der nur einmal t\u00e4glich geleert werden durfte. Die einzige Fensterluke ca. (60 x 40 cm) hatte zwar kein Glas, daf\u00fcr aber Gitter und \u00e4u\u00dfere Sichtblende. Mein erster Zellengenosse Moruschkin wurde bald verurteilt ( 15 Jahre Arbeitslager wegen unerlaubten Kontaktes zu einer Dresdenerin) und lie\u00df mich wochenlang allein in der Zelle zur\u00fcck. Sp\u00e4ter kam ein Schwerkriegsbesch\u00e4digter zu mir, die Unterschenkelprothese war ihm weggenommen! Beim \u201eK\u00fcbeln\u201c musste der Kamerad sich auf meine Schulter st\u00fctzen und die ca. 150 Meter bis zur Latrine h\u00fcpfen. Ansonsten hatten wir eine sehr gute Gemeinschaft, leider konnte ich den Kamerad aus Cottbus nicht wiedersehen; denn er wurde zum Tode verurteilt und erschossen.<\/p>\n<p><!--nextpage--><br \/>\nDie Verurteilung unserer Gruppe fand im Juli 1952 statt. Die Verhandlung an zwei Tagen war eigentlich eine Farce. Der Richter las nur aus den Verh\u00f6rprotokollen vor. Auf Einw\u00e4nde, diese Protokolle entspr\u00e4chen nicht den Tatsachen, antwortete der Richter nur: \u201eAber warum haben Sie unterschrieben?\u201c Die Qualit\u00e4t der Dolmetscherin wird aus folgendem Wortwechsel deutlich: Zur Person gibt ein Angeklagter wahrheitsgem\u00e4\u00df an: \u201eMein Vater ist gefallen.\u201c &#8211; Nach geraumer Zeit kommt die Frage der Dolmetscherin: \u201eWohin ist Ihr Vater gefallen ?\u201c<br \/>\nEine Verteidigung der Angeklagten war nicht vorgesehen. Das Gericht verlas am Abend des zweiten Verhandlungstages die Urteile: Viermal Todesstrafe und dreimal 25 Jahre Arbeitslager.<br \/>\nNach bewegendem Abschied wurden die vier zum Tode Verurteilten gesondert abgef\u00fchrt. Einer von ihnen ist sp\u00e4ter in Moskau zu 20 Jahren Arbeitslager begnadigt worden. Die drei anderen sind nicht heimgekehrt.<br \/>\nWir drei zu 25 Jahren Verurteilten wurden wenigstens nach dem Urteil gemeinsam in eine Zelle verbracht. Dort waren wir zusammen mit einigen 14-J\u00e4hrigen, deren Strafen ihr Lebensalter bei weitem \u00fcbertraf. Bei einer Umgruppierung der Insassen wurden wir leider wieder getrennt. Erst am 21. September 1952 trafen wir in der Transportzelle wieder zusammen. Der Blechwagen rollte in der Dunkelheit durch Potsdam. Durch einen schmalen Spalt an der Decke konnte man gelegentlich eine Wohnzimmerlampe leuchten sehen &#8211; aber uns trennten Welten! Auf einem mit vielen bewaffneten Soldaten abgesperrten Teil des Bahnhofs Potsdam-Wildpark mussten wir im Laufschritt in einen Waggon einsteigen, an dem zur Tarnung \u201eSchlafwagen\u201c zu lesen war. Hinter den Fenstern dicke, wei\u00dfe Gardinen, dahinter befanden sich dann \u201eschwedische Gardinen\u201c, und die Klinke an der Abteilt\u00fcr fehlte innen. Irgendwo in der Nacht wurde unser Wagen an den fahrplanm\u00e4\u00dfigen D-Zug von Rostock nach Frankfurt\/Oder geh\u00e4ngt.<\/p>\n<p><!--nextpage--><br \/>\nMit Zwischenstationen in den Zuchth\u00e4usern Brest-Litowsk und Gomel gelangten wir nach Moskau, wo ich von meinen zwei Meuselwitzer Kameraden getrennt wurde. Diese traten den Weg in die Sch\u00e4chte von Workuta an. F\u00fcnf weitere Deutsche rollten vom Moskauer Bahnhof aus mit mir in Richtung Ural, \u00fcber Ufa, Tscheljabinsk und Nowosibirsk gelangten wir nach Wochen nach Taischet an der Transsibirischen Eisenbahn. Eine Etappe zwischen den verschiedenen Zuchth\u00e4usern w\u00e4hrte stets mehrere Tage, dabei waren meist 18 Gefangene in einem Abteil zusammengepfercht. Die Toilettenverh\u00e4ltnisse waren unbeschreibbar, als Verpflegung gab es nur Brot und gesalzenen Fisch, dabei nur einmal am Tage einen Becher Wasser. Dazu kam die st\u00e4ndige Bedrohung durch Platnois (Verbrecher), die nat\u00fcrlich unsere mitteleurop\u00e4ische Kleidung, sogar mit physischer Gewalt, an sich bringen wollten.<br \/>\nIm Sammellager Taischet arbeitete ich vom ersten Tage an in der Kaltwasserversorgung des Bades. Vor dem Fr\u00fchst\u00fcck mussten wir erst etwa 60 schwere Eimer aus einem Tiefbrunnen hochleiern und ausleeren, bei Temperaturen unter 25 Grad minus. Dann erst durften wir unser Fr\u00fchst\u00fcck einnehmen, das aus einer undefinierbaren Suppe und einer \u201ePaike\u201c (Trockenbrot) bestand. Bei dieser Arbeit gab es die ersten Erfrierungen, da wir noch keine Wattesachen und Filzstiefel hatten.<br \/>\nAnfang Dezember 1952 ging das ganze Lager auf \u201eEtappe\u201c, das bedeutet, je 64 Menschen wurden in einen ungeheizten G\u00fcterwagen (18 Tonnen) gezw\u00e4ngt, in dem 4 Pritschen waren. Die Fahrt w\u00e4hrte 2 Tage und 3 N\u00e4chte, die zur\u00fcckgelegte Strecke betrug allerdings nur hundert Kilometer. Brennmaterial gab es nur wenig, au\u00dferdem keine warme Verpflegung. Wer l\u00e4ngere Zeit an der Au\u00dfenwand des Waggons stehen mu\u00dfte, trug unweigerlich Erfrierungen davon. Am schlimmsten traf es Kranke und Amputierte, die nur auf den Pritschen an der Au\u00dfenwand liegen konnten. Bei ca. 50 Grad K\u00e4lte wurden wir in der dritten Nacht ausgeladen, als Letzter flog ein Oberschenkelamputierter wie ein B\u00fcndel in den vor K\u00e4lte knirschenden Schnee. Aus dem Lager 01 an der Bahnstrecke Taischet-Bratsk marschierte nach einigen Tagen ein Trupp von 30 Gefangenen in das etwas abseits gelegene Waldlager 035, wo ungef\u00e4hr 300 Insassen waren. Auf einem f\u00fcr vier Mann vorgesehenen Holzgestell erhielt man einen Schlafplatz, eine zu kurze, d\u00fcnne Decke und weiter nichts. Die Filzstiefel waren in eine Trockenkammer in der Baracke zu deponieren; wehe dem, dessen Filzstiefel in der Nacht nicht trocken wurden, der konnte sich am n\u00e4chsten Tag mit einiger Wahrscheinlichkeit Zehen oder F\u00fc\u00dfe erfrieren.<\/p>\n<p><!--nextpage--><br \/>\nAm Morgen wurde gegen 6 Uhr geweckt, zwei Eimer Wasser mu\u00dften f\u00fcr die Morgentoilette von ca. 40 Mann reichen, mit dem Rest wurde die Baracke ges\u00e4ubert. Gruppenweise zum Fr\u00fchst\u00fcck in der K\u00fcchenbaracke antreten, um die Suppe, einen Schrotbrei, die 750 Gramm Brotration und 27 Gramm Zucker als Tagesration in Empfang zu nehmen. Nach dem Z\u00e4hlappell auf der Lagerstra\u00dfe Abmarsch zur Arbeit in den Wald. Zu 5 Mann untergehakt trieb man uns t\u00e4glich ca. 7 km in das bewachte Arbeitsgel\u00e4nde, den \u201eWeg\u201c konnte man als solchen kaum bezeichnen, zus\u00e4tzlich war er tief verschneit und vereist, nach erneuter Z\u00e4hlung musste Holz gestapelt oder auf Kleinbahnloren verladen werden. \u00c4ste waren zu verbrennen oder B\u00e4ume zu f\u00e4llen. Die Arbeitsnorm betrug pro Mann 1,7 Kubikmeter in St\u00fccke ges\u00e4gtes und ent\u00e4stetes Holz. Um einen Baum mit der Hands\u00e4ge zu f\u00e4llen und zu ent\u00e4sten, ben\u00f6tigt man stets drei Mann, deren Norm, dann am Arbeitstag 5,1 Kubikmeter betrug. Diese war unter den gegebenen klimatischen Bedingungen auch bei bestem Willen nicht zu schaffen. Wer die Norm nicht zu wenigstens 60% schaffte, wurde mit Essensabzug (Strafnoi) bestraft. Dies bedeutete, dass man die 27 Gramm Zucker nicht erhielt und ohne Abendessen zu Bett gehen musste. Der Brigadier schrieb verst\u00e4ndlicherweise seinen Freunden mehr als 60% auf, daf\u00fcr gaben ihm diese als \u201ePaketempf\u00e4nger\u201c stets daraus Teile der Sendung ab. Wir Deutschen durften nicht schreiben und erhielten darum auch keine Pakete. Deswegen blieben f\u00fcr uns h\u00e4ufig nur weniger als 60% Normerf\u00fcllung. Am Mittag war eine kurze Pause, w\u00e4hrend derer man seine am K\u00f6rper getragene \u201ePaike\u201c Brot aufa\u00df, die trotzdem angefroren sein konnte. Warmverpflegung wurde im Winter nicht in den Wald gebracht. Bei Dunkelwerden trieb man uns unter Geschrei und Sch\u00fcssen wieder die 7 km zum Lager zur\u00fcck. Jeder Gefangene schleppte mindestens zwei dicke Holzscheite an einem Bindfaden \u00fcber der Schulter mit, das Heizmaterial f\u00fcr Trockenkammer und Baracke. Sollte ein Gefangener auf dem \u201eWeg\u201c st\u00fcrzen, dann griff der Hintermann sofort nach den Holzscheiten, das war wichtiger als der gest\u00fcrzte Mensch! Nach einem \u00e4rmlichen Abendessen (wenn \u00fcberhaupt!) und dem unvermeidlichen, manchmal Stunden w\u00e4hrenden Z\u00e4hlappell auf der Lagerstra\u00dfe sank man v\u00f6llig ersch\u00f6pft auf seine Bretter und versuchte zu schlafen.<\/p>\n<p><!--nextpage--><br \/>\nBeim Schneeschippen an der Kleinbahn erfror ich mir bei eisigem Ostwind mehrere Finger der rechten Hand. Daraufhin konnte ich einige Tage im Lager bleiben. Leider war mir bei der Gelegenheit meine Brille entzwei gegangen, den schnelle Temperaturwechsel zwischen minus 45 Grad au\u00dferhalb des Lagers und den ca. 10 Grad plus in der Sanit\u00e4tsbaracke hatten die Scharniere nicht verkraftet und waren einfach gebrochen, au\u00dferdem war ein Glas beim Herabfallen gesprungen. Mit F\u00e4den und sp\u00e4ter mit etwas Draht konnte die Brille provisorisch nutzbar gemacht werden. Nach einigen Tagen marschierte ich trotz der Erfrierungen wieder mit in den Wald. Auch der Heilige Abend war Arbeitstag, nur der 7. November und der 1. Mai waren arbeitsfreie Tage. Hatte das ganze Lager das Soll nicht erf\u00fcllt, wurde auch Sonntag f\u00fcr Sonntag gearbeitet.<br \/>\nNach einigen Wochen bekam ich Durchfall mit hohem Fieber, sodass ich von einigen Tagen in der Isolierbaracke keine Erinnerung habe. Ich wurde mit einigen anderen Kranken zum Transport in ein Krankenlager ausgesucht. Ein Patient starb pl\u00f6tzlich, erst dann sollten wir anderen schnellstens ins Krankenlager. Nat\u00fcrlich waren die ca. 15 Kilometer zu Fu\u00df zur\u00fcck zu legen. Der Sarg lag auf einem Pferdeschlitten, wer nicht mehr laufen konnte, durfte sich zeitweilig auf den Sarg setzen.<br \/>\nIm Krankenlager 038 lagen wir wie die Heringe nebeneinander in zweist\u00f6ckigen Holzverschl\u00e4gen. Jeder hatte eine d\u00fcnne Wattematratze und eine Decke. Ungef\u00e4hr 50 Kranke lagen in einem Raum von ungef\u00e4hr 40 qm, viele Patienten, besonders nach Erfrierungen, hatten eitrige Wunden. Alle paar Tage machte ein russischer Arzt Visite, zu unserem gro\u00dfen Gl\u00fcck gab es auch einen Berliner Arzt, Dr. L\u00f6lke, der uns stets Mut machte und uns r\u00fchrend betreute. Ein Sanit\u00e4ter sorgte f\u00fcr Sauberkeit und verteilte die Verpflegung. Diese war gegen\u00fcber dem Arbeitslager noch weiter gek\u00fcrzt: \u201eWer nicht arbeitet, braucht auch nicht zu essen!\u201c Daf\u00fcr stand uns aber t\u00e4glich eine Tasse Milch zu, die aber meist eine recht undefinierbare Farbe hatte, weil sie auf dem langen Wege bis zum Kranken immer mehr Verd\u00fcnnung erfuhr!<br \/>\nAlle 10 Tage musste gebadet werden, dabei wurden s\u00e4mtliche K\u00f6rperhaare entfernt. Dies half gegen Fl\u00f6he und Wanzen leider auch nicht. Im Krankenlager war man nur mit Unterhose und Hemd bekleidet, wahrscheinlich wegen der Ungeziefergefahr. Da die Verpflegung so wenig war, dass man st\u00e4ndig Hunger f\u00fchlte, tr\u00e4umte man nachts oft vom guten Essen. Wie stark die Entt\u00e4uschung, wenn man erwachte und feststellte, dass es noch Stunden dauerte, bis es das n\u00e4chste St\u00fcck Brot g\u00e4be! Meine Erfrierungen wurden eigentlich nie behandelt. Erst als ich schon aus der Krankenabteilung in die Arbeitszone verlegt war und in der Schmiede am Blasebalg arbeitete, stellte man fest, dass die Fingerkuppe nicht zu retten sei. Daraufhin wurde mir von einem Sanit\u00e4ter der hervorstehende Knochen einer Fingerkuppe ohne Bet\u00e4ubung \u201eabgeknipst.\u201c<\/p>\n<p><!--nextpage--><br \/>\nUm die Osterzeit des Jahres 1953 wurde ich in das alte Waldlager 035 zur\u00fcckverlegt. Zun\u00e4chst sollten wir fr\u00fchere Kahlschlagpl\u00e4tze von \u00c4sten und unter dem Schnee liegengebliebenen Baumst\u00fcmpfen s\u00e4ubern, anschlie\u00dfend die in der Tauwetterperiode v\u00f6llig verschobene Kleinbahnstrecke wieder richten. Bald zeigte sich bei ansteigender Tagestemperatur eine weitere klimatische Besonderheit des Straflagergebietes. Tausende von kleinen Stechfliegen umschw\u00e4rmten uns, die M\u00fcckennetze bildeten keinen hinreichenden Schutz gegen die Stiche der \u201eMoschkas\u201c. Das Gesicht begann anzuschwellen und zu schmerzen. Ein Ukrainer erbarmte sich meiner und brachte mir aus der Lagerschmiede etwas Wagenschmiere mit, womit ich Gesicht und Arme dick einschmierte. Die Moschkas stachen dann nicht mehr, sondern blieben kleben. Auch die Mittagssuppe, die im Sommer in den Wald gebracht wurde, blieb von den Moschkas nicht verschont. Kaum hatte man die Sch\u00fcssel erhalten, musste man schnell in ein Geb\u00fcsch kriechen, damit nicht zu viele Fliegen in die Suppe kamen, trotzdem musste die obere Schicht schon weggegossen werden, weil sie schwarz von Fliegen war.<br \/>\nAn einem zuf\u00e4llig arbeitsfreien Sonntag Ende Juni 1953 war ich nach dem Z\u00e4hlappell auf der Pritsche eingeschlafen. Pl\u00f6tzlich r\u00fcttelt mich ein Kamerad wach und ruft: \u201eDu bist auch aufgerufen zum Transport!\u201c Es waren acht Deutsche und sechs Ungarn, die zur Etappe aufgerufen worden waren. Bei sonstigen Etappen wurden stets s\u00e4mtliche in den Lagern vertretenen Nationalit\u00e4ten wie Russen, Ukrainer, Polen, Deutsche, Tschechen, Ungarn, Kirgisen, Rum\u00e4nen, Koreaner, Bulgaren oder Japaner zu Transporten zusammengestellt. Den st\u00e4rksten Anteil an der Besatzung der ungef\u00e4hr aus 50 Lagern bestehenden Taischeter sogenannten Regime-Lagertrasse bildeten Russen, Ukrainer und Angeh\u00f6rige der baltischen L\u00e4nder. Aber bei dem jetzigen Transport sollten nur Deutsche und Ungarn dabei sein, das war zumindest auff\u00e4llig! Zudem hatte man ger\u00fcchteweise von Unstimmigkeiten, ja sogar Streiks in der DDR geh\u00f6rt.<br \/>\nDer Zug, mit dem ich also mitfahren durfte, kam tief in der Nacht aus Richtung Bratsk zum Lager 01, in ihm lagen nur wieder Deutsche und Ungarn, vor allem rollte er weiter in Richtung Taischet, also nach Westen! Die Stimmung stieg noch mehr, als wir im Lager 020, das \u00fcberraschenderweise leer war, ungewohnt h\u00f6flich empfangen wurden. Beim Baden wurden uns die Kopfhaare nicht mehr geschnitten! F\u00fcr uns ein weiteres Zeichen der Hoffnung, au\u00dferdem gab es neue Bekleidung. Wir durften Material f\u00fcr Reisigbesen f\u00fcr die S\u00e4uberung des Waggons im Walde sammeln. Die Posten scherzten mit uns und lie\u00dfen uns sogar Walderdbeeren essen. Am n\u00e4chsten Tage wurden nur die Deutschen in einen langen Zug verladen, der sich in Richtung Taischet in Bewegung setzte. Hinter Krasnojarsk wurde der Stacheldraht unter den Wagen beseitigt und die T\u00fcr durfte einen Spalt ge\u00f6ffnet bleiben. Man hatte uns nicht mitgeteilt, wohin wir f\u00fchren, beziehungsweise ob wir entlassen w\u00fcrden. Doch jeden Morgen stellten wir erfreut fest, dass die Sonne hinter dem Zug aufging! Hinter Moskau, wo zum ersten Mal die mitgefangenen Frauen sich etwas au\u00dferhalb der Waggons aufhalten durften, begann das R\u00e4tselraten, in welche Richtung es weitergehen w\u00fcrde. Nach ein paar Tagen wurden wir in Weliki Luki alle zum Baden gef\u00fchrt &#8211; die Kopfhaare wurden wieder nicht geschnitten! Am \u00fcbern\u00e4chsten Morgen stellten wir fest, dass die Stationsnamen nicht mehr in kyrillischer Schrift geschrieben waren. Der n\u00e4chste Bahnhof hie\u00df Daugavas, wir waren also in Lettland. Bald stand Tauroggen angeschrieben, und kurz danach konnten wir die alte Ortsangabe \u201eTilsit\u201c lesen. Nach Insterburg teilte man uns mit, dass wir am n\u00e4chsten Morgen am Bestimmungsort ausgeladen w\u00fcrden. An dem zerst\u00f6rten Bahnhof stand \u201eGwardeisk\u201c, aber ein noch lesbares Schild verriet uns, dass wir in Tapiau seien, wir marschierten auf die Ordensburg zu, wo wir beim Antreten im Hof von einem Oberstleutnant erfuhren, wir f\u00fchren mit Sicherheit nach Hause. Es m\u00fcsste nur noch auf andere Transporte gewartet werden. Diese kamen auch, einer davon aus Workuta, wodurch ich Nachrichten \u00fcber die dorthin verbrachten Meuselwitzer erhielt.<\/p>\n<p><!--nextpage--><br \/>\nIm Lager herrschte anfangs recht gute Stimmung, es wurde uns kulturelle Betreuung neben Schulung geboten, auch die Verpflegung war anfangs reichhaltiger. Doch die Wochen verstrichen, es kamen l\u00e4ngst keine Transporte mehr, und das Essen wurde wieder \u201enormal.\u201c Wochenlang erhielten wir gr\u00fcne Tomaten in Wasser gekocht mit etwas Hirse oder Buchweizen. Kameraden, die hohes Fieber mit Durchfall bekamen, wurden isoliert, aber die Suppe blieb die gleiche. Eines Tages erhielt jeder der ungef\u00e4hr 1300 Gefangenen eine Postkarte des Roten Kreuzes bzw. Roten Halbmondes. Wir sollten schreiben, es ginge uns gut, und wir k\u00e4men bald heim.<br \/>\nNach einigen Wochen wurde nat\u00fcrlich gefragt, warum wir keine Antwort erhielten. \u201eEs wird bald geschehen\u201c war dann die \u00fcbliche Ausrede (skoro budit!). Die Karten haben ihre Adressaten nie erreicht,, sie wurden wohl gar nicht abgeschickt. Ende September 1953 erschoss ein Posten vom Turm aus ohne Grund und Warnung drei Kameraden, die schon neun Jahre in Gefangenschaft waren. Die gesamte Lagerbelegschaft trat in einen Hungerstreik und verlangte eine christliche Bestattung der gefallenen Kameraden. Alle Versprechungen des Lagerkommandanten wurden aber nicht erf\u00fcllt, die Leichen in der Nacht weggebracht und die \u201eProvokateure\u201c des Hungerstreiks in Isolierhaft abgef\u00fchrt.<br \/>\nEnde November erschienen mehrere Offiziere und riefen 127 Kameraden zum Transport auf, ein System der Auswahl war nicht erkennbar, sogar der \u00e4lteste Gefangene mit 69 Jahren befand sich unter den Abtransportierten. Diese wurden ins Gef\u00e4ngnis nach K\u00f6nigsberg gebracht; dort schnitt man ihnen wieder die Haare und er\u00f6ffnete ihnen, sie m\u00fcssten warten, bis die n\u00e4chste Amnestie erlassen w\u00fcrde! Bekannt wurden diese Vorg\u00e4nge, weil am Tage unserer Abfahrt drei Gefangene wieder aus dem K\u00f6nigsberger Gef\u00e4ngnis zum Bahnhof Tapiau gebracht worden waren, um mit unserem Transport mit zu fahren.<br \/>\nAls nach den f\u00fcnf Monaten des Wartens kaum noch einer auf Heimkehr hoffte, wurden wir am 23. Dezember 1953 alle streng durchsucht, kein Fetzen beschriebenes Papier oder Gedrucktes durfte die Sowjetunion verlassen. Als die erste Gruppe Abgefertigter die Ordensburg verlie\u00df, ging ein Ruf durchs Haus: \u201eohne Konvoi\u201c, also ohne Bewachung! Der Zug rollte in der Nacht gen S\u00fcdosten, am Heiligen Abend kamen wir nach Wilna, von dort \u00fcber Baranowice bis Brest-Litowsk. Am 1. Feiertag wurden wir umgeladen und rollten dann durch Polen, an der Grenze bei Kunersdorf durften uns diesmal auch polnische Z\u00f6llner z\u00e4hlen. Im Entlassungslager F\u00fcrstenwalde wurde bescheinigt, dass ich mich dort einen Tag aufgehalten hatte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erlebnisbericht Ulrich Kilger, Student der P\u00e4dagogik an der Universit\u00e4t Leipzig, durch ein Sowjetisches Milit\u00e4rtribunal in einem politischen Willk\u00fcrprozess zu 25 Jahren Zwangsarbeitslager verurteilt, Lagerhaft bei Bratsk. Am 26. April 1952 kam ich von einer Vorlesung und wollte zu meiner damaligen Studentenbude in Leipzig S 36, Nibelungenring 56. 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