{"id":221,"date":"2018-09-06T09:16:20","date_gmt":"2018-09-06T09:16:20","guid":{"rendered":"http:\/\/quellen.geschichte.uni-leipzig.de\/?p=221"},"modified":"2018-11-19T19:08:03","modified_gmt":"2018-11-19T19:08:03","slug":"die-belter-gruppe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quellen.geschichte.uni-leipzig.de\/?p=221","title":{"rendered":"Die Belter-Gruppe"},"content":{"rendered":"<p>Die Belter-Gruppe ist die gr\u00f6\u00dfte und sicherlich auch wichtigste der uns bekannt gewordenen Widerstandsgruppen an der Universit\u00e4t Leipzig, wobei die Konstruktion der Urteile keineswegs die wahren Geschehnisse widerspiegelt. Spionage und Landesverrat sind es bestimmt nicht, die man den Studenten um <a href=\"https:\/\/quellen.geschichte.uni-leipzig.de\/?p=216\"><strong>Herbert Belter<\/strong><\/a> vorwerfen kann. Somit sind auch die hohen Urteile &#8211; ebenso wie die Verschleppung nach Ru\u00dfland &#8211; keineswegs durch ihre Taten begr\u00fcndet. Hier entlarvt sich ein System selbst durch den Umgang mit ihm mi\u00dfliebigen Jugendlichen: die russischen \u201eSicherheitsorgane\u201c erbauen ein Netz aus Gewalt und Schweigen, da\u00df ihre ostdeutschen \u201eKollegen\u201c bereitwillig \u00fcbernehmen und perfektionieren.<\/p>\n<p>Bereits die ersten Wahlen zur Volkskammer der DDR am 15.10.1950 werden begleitet vom Terror gegen die, die den neuen Staat nicht kritiklos anerkennen oder anders zu denken wagten.<\/p>\n<h1>Chronologie<\/h1>\n<p><strong>Oktober 1949.<\/strong><\/p>\n<p>Beurteilungen und Berichte verzeichnen die sp\u00e4ter Verhafteten durchweg als sozial engagiert. Wenn auch die Empfehlungsschreiben dem Zweck der angestrebten Immatrikulation dienten, so war ein ausgepr\u00e4gtes Interesse an Politik bereits vorhanden.<\/p>\n<p><strong>Oktober 1949 &#8211; Februar 1950.<\/strong><\/p>\n<p>Das erste Semester wird bestimmt von massiven Umstrukturierungen. \u00dcberall entstehen jetzt FDJ- und Studiengruppen, einen besonderen Schwerpunkt bildet dabei die Studienrichtung Chemie.<\/p>\n<p><strong>Mai \/ Juni 1950.<\/strong><\/p>\n<p>Nach dem 1. Semester beginnt Herbert Belter Kontakte zum RIAS herzustellen. Zun\u00e4chst wohl als private Informationsquelle gedacht, entsteht mit den massenhaft verf\u00fcgbaren Brosch\u00fcren das Problem der Weitergabe: ein Netzwerk entwickelt sich, in dem Kommilitonen die Informationen an ihren Fakult\u00e4ten weitergeben. Der demokratische Ideenstreit soll soeben \u00fcberwundene totalit\u00e4re Strukturen nicht erneut aufbrechen lassen.<\/p>\n<p><strong>Juli &#8211; September 1950.<\/strong><\/p>\n<p>In den Semesterferien rei\u00dfen die Kontakte unter den Kommilitonen nicht ab, der Kreis der Einbezogenen w\u00e4chst an. In zumindest einem Falle werden durch die Heimreise auch Informationen \u00fcber die Universit\u00e4t hinaus weitergegeben. Eine gewisse Eigendynamik bem\u00e4chtigt sich aller Beteiligten.<\/p>\n<p><strong>Oktober 1950.<\/strong><\/p>\n<p>Durch seine Erfolge ermutigt, versucht Belter offensiv in die Wahlvorbereitungen zum 15. Oktober 1950 einzugreifen. Zusammen mit einem Kommilitonen verteilt er in der Nacht zum 5.10. Flugbl\u00e4tter und Plakate\u00a0 und wird dabei verhaftet.<\/p>\n<p>Innerhalb weniger Tage werden weitere Beteiligte verhaftet &#8211; ein Informationssystem wird zu einem Spionagering hochstilisiert. Ein gewaltiger \u201eErfolg\u201c f\u00fcr den russischen Geheimdienst im Kampf gegen die Feinde des neuen Arbeitern-und-Bauern-Staates. Ende Oktober 1950. Die Verd\u00e4chtigen werden zun\u00e4chst von der deutschen Polizei verhaftet, sp\u00e4ter jedoch dem russischen Geheimdienst \u00fcbergeben\u00a0 und nach Dresden geschafft.<\/p>\n<p><strong>Januar 1951.<\/strong><\/p>\n<p>Bei der Verhandlung vor einem sowjetischen Milit\u00e4rtribunal &#8211; dieser Akt erfolgte im Gegensatz zur Verfassung der DDR &#8211; werden die Verhafteten einer f\u00fcr stalinistische Strukturen typischen Willk\u00fcrjustiz unterworfen. Die Urteile stehen l\u00e4ngst fest.<\/p>\n<p>Die Verhafteten verschwinden einfach &#8211; ihre Angeh\u00f6rigen bleiben \u00fcber ihr Schicksal im Unklaren. Nachforschungen der Eltern und Geschwister verlaufen im Sande.<\/p>\n<p>Auch \u00fcber Belters weiteren Weg ist auf deutschem Boden nichts bekannt. Bis in die Mitte der 50er Jahre glaubt man an eine Aufhebung des Urteils. Aber es gab keine Gnade f\u00fcr ihn: am 28. April 1951 wurde er vom NKWD erschossen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die anderen vergehen die Jahre ohne Aussicht auf Besserung, erst nach Jahren haben sie die ersten Kontakte zu ihren Angeh\u00f6rigen.<\/p>\n<p>Erl\u00f6sung bringen erst der Tod Stalins 1953 bzw. zwei Jahre sp\u00e4ter der Besuch Adenauers in Moskau. Die letzten von ihnen treten 1955 als \u201eZivilinternierte\u201c die Heimreise an. Die Leipziger Studenten kehren heim &#8211; in die Bundesrepublik Deutschland; was sie in der DDR erwartete, ist einfach unvorstellbar.<\/p>\n<table style=\"height: 486px;\" width=\"975\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"496\">Die Verhafteten verschwinden einfach &#8211; ihre Angeh\u00f6rigen bleiben \u00fcber ihr Schicksal im Unklaren. Nachforschungen der Eltern und Geschwister verlaufen im Sande.<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"496\">Auch \u00fcber Belters weiteren Weg ist auf deutschem Boden nichts bekannt. Bis in die Mitte der 50er Jahre glaubt man an eine Aufhebung des Urteils. Aber es gab keine Gnade f\u00fcr ihn: am 28. April 1951 wurde er vom NKWD erschossen.<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"496\">F\u00fcr die anderen vergehen die Jahre ohne Aussicht auf Besserung, erst nach Jahren haben sie die ersten Kontakte zu ihren Angeh\u00f6rigen.<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"496\">Erl\u00f6sung bringen erst der Tod Stalins 1953 bzw. zwei Jahre sp\u00e4ter der Besuch Adenauers in Moskau. Die letzten von ihnen treten 1955 als \u201eZivilinternierte\u201c die Heimreise an. Die Leipziger Studenten kehren heim &#8211; in die Bundesrepublik Deutschland; was sie in der DDR erwartete, ist einfach unvorstellbar.<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"496\"><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Belter-Gruppe ist die gr\u00f6\u00dfte und sicherlich auch wichtigste der uns bekannt gewordenen Widerstandsgruppen an der Universit\u00e4t Leipzig, wobei die Konstruktion der Urteile keineswegs die wahren Geschehnisse widerspiegelt. Spionage und Landesverrat sind es bestimmt nicht, die man den Studenten um Herbert Belter vorwerfen kann. 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