{"id":216,"date":"2018-11-06T09:13:15","date_gmt":"2018-11-06T09:13:15","guid":{"rendered":"http:\/\/quellen.geschichte.uni-leipzig.de\/?p=216"},"modified":"2018-11-22T17:56:28","modified_gmt":"2018-11-22T17:56:28","slug":"herbert-belter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/quellen.geschichte.uni-leipzig.de\/?p=216","title":{"rendered":"Herbert Belter \u201eIch habe mich illegal bet\u00e4tigt&#8230;\u201c"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/ehrenbuch.geschichte.uni-leipzig.de\/view.php?s=6\"><strong>Herbert Belter, erschossen am 28. April 1951<\/strong><\/a><\/p>\n<p><strong>\u201eIch habe mich illegal bet\u00e4tigt&#8230;\u201c<\/strong><\/p>\n<span class=\"su-dropcap su-dropcap-style-default\" style=\"font-size:1.5em\">I<\/span>m Jahre 1955 kehrten, als ein Ergebnis des Besuchs von Konrad Adenauer in Moskau, auch\u00a0 drei ehemalige Studenten aus den Sowjetunion nach Deutschland zur\u00fcck. Es waren keine Kriegsgefangene, auch hatten sie keine Verbrechen in der Sowjetunion ver\u00fcbt. Dennoch wurden sie am 20. Januar 1950 zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt. Einer von ihnen bezahlte seine Ideale sogar mit dem Leben. Sein Name ist Herbert Belter.<\/p>\n<p><strong><div class=\"su-pullquote su-pullquote-align-left\">Herbert Belter wurde vor fast 70 Jahren am 21. Dezember 1929 in Greifswald geboren. Von 1936 bis 1945 besuchte er die Mittelschule in Rostock, durch das Kriegsende war es ihm unm\u00f6glich, das Abitur zu beenden.<\/div><\/strong>Herbert Belter wurde vor fast 70 Jahren am 21. Dezember 1929 in Greifswald geboren. Von 1936 bis 1945 besuchte er die Mittelschule in Rostock, durch das Kriegsende war es ihm unm\u00f6glich, das Abitur zu beenden. Im Oktober 1946 begann er an der Wirtschaftsschule in Rostock eine zweij\u00e4hrige Ausbildung zum kaufm\u00e4nnischen Angestellten, anschlie\u00dfend fand er eine Stelle als Statistiker bei der Hafenverwaltung in Rostock. Als die Zeiten wieder besser wurden, will er ein Studium aufnehmen. Der einzige Weg f\u00fchrte ihn damals \u00fcber die Vorstudienschule in Rostock, auf der er im Juli 1949 sein Abitur bestand.<\/p>\n<p><!--nextpage-->Mit dem Neuaufbau nach dem Krieg erhoffte er sich, wie so viele andere, Verbesserungen hin zu einer demokratischen Welt, die er nur aus Berichten Dritter kannte. Als Studienwunsch gab er Volkswirtschaft und Gesellschaftswissenschaft an. Relativ schnell wurde sein Studienwunsch ber\u00fccksichtigt und im Oktober 1949 erhielt er einen Studienplatz an der neu errichteten Gesellschaftswissenschaftlichen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Leipzig.<\/p>\n<p><strong><div class=\"su-pullquote su-pullquote-align-left\">Viele von ihnen waren bereits den Weg in den Westen gegangen, so die Philosophen Theodor Litt und Hans-Georg Gadamer oder die Historiker Johannes K\u00fchn und Otto Vossler.<\/div><\/strong>Damit begann er sein Studium in Leipzig in einer Zeit voller Umbr\u00fcche und Wirren. Wenn sich auch langsam abzeichnet, welchen Weg die Universit\u00e4t Leipzig in den n\u00e4chsten Jahren bis hin zur Karl-Marx-Universit\u00e4t Leipzig gehen w\u00fcrde, so ist doch noch vieles offen und b\u00fcrgerliche Professoren konnten den Studenten ihre Lebenserfahrungen und politischen Ansichten mit auf den Weg geben. Dazu geh\u00f6rten die Juristen Arthur Nikisch und Hans-Otto de Boor, die sich den neuen politischen Anforderungen verweigerten oder versuchten ihnen auszuweichen, wie bereits im Nationalsozialismus. Viele von ihnen waren bereits den Weg in den Westen gegangen, so die Philosophen <strong>Theodor Litt<\/strong> und <strong>Hans-Georg Gadamer<\/strong> oder die <strong>Historiker Johannes K\u00fchn<\/strong> und <strong>Otto Vossler.<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr die meisten Studenten waren die Verh\u00e4ltnisse unter denen sie studieren mussten, jedoch nicht einfach mit einem Wechsel nach Westdeutschland\u00a0 zu quittieren. In der Nachkriegszeit und der \u00dcberf\u00fcllung mit Fl\u00fcchtlingen und Umsiedlern war ein Studienplatz etwas besonderes, um dessentwillen man h\u00e4ufig pers\u00f6nliche Entbehrungen in Kauf nahm.<\/p>\n<p><strong><div class=\"su-pullquote su-pullquote-align-left\">Der Studentenrat besa\u00df so eine wichtige integrative Funktion. Seine Vertreter spielten eine entscheidende Rolle f\u00fcr die Alltagssorgen der Nachkriegsstudenten. <\/div><\/strong>Unter den harten Nachkriegsbedingungen gab es enorme Probleme, wenn man nur daran denkt, was es hei\u00dft, sich Unterkunft, Heizung, Strom und Verpflegung in einer zerst\u00f6rten Stadt zu beschaffen. Hinzu kamen noch die Verh\u00e4ltnisse an der zu zwei Dritteln zerst\u00f6rten Universit\u00e4t: fehlende R\u00e4umlichkeiten f\u00fcr den Lehrbetrieb, ein geringer B\u00fccherbestand und die mangelnde personelle Besetzung der Lehrst\u00fchle. Daraus erwuchs jedoch ein verbindender Faktor. Denn die meisten dieser Probleme waren von dem einzelnen Studenten nicht oder nur unzureichend zu bew\u00e4ltigen. Der Studentenrat besa\u00df so eine wichtige integrative Funktion. Seine Vertreter spielten eine entscheidende Rolle f\u00fcr die Alltagssorgen der Nachkriegsstudenten. Selbst wenn man in den Westteil Deutschlands h\u00e4tte wechseln m\u00fcssen, so waren dort die materiellen Probleme \u00e4hnlich. So darf man die drei Westzonen noch nicht mit der sp\u00e4teren Bundesrepublik vergleichen, in der ostdeutsche Fl\u00fcchtlinge mit offenen Armen empfangen wurden.<\/p>\n<p><!--nextpage-->Die Leipziger Studenten beugten sich nicht nur den Alltagsproblemen, sondern auch dem politische Druck der Stalinisierungswellen. Ein \u00f6ffentliches Aufbegehren oder Protest war nach der letzten gro\u00dfen Verhaftungswelle unter den Studenten 1948 kaum noch m\u00f6glich. Mit der Ausschaltung des demokratisch gew\u00e4hlten Studentenrates im November 1948, als der popul\u00e4re Studentenvertreter<strong><a href=\"https:\/\/quellen.geschichte.uni-leipzig.de\/?p=125\"> Wolfgang Natonek<\/a> <\/strong>vom russischen Geheimdienst verhaftet wurde, war auch die Zeit der \u00f6ffentlichen Debatten endg\u00fcltig vorbei.<\/p>\n<p>Das alles war dem frisch immatrikulierten Herbert Belter vielleicht noch nicht bewu\u00dft, bald jedoch wurde er mit dem Druck, den das System auf die Studenten aus\u00fcbte bekannt. Dabei waren die Studenten in seinem Umkreis, wie er selbst, durchaus sozial engagiert. Wenn auch die Empfehlungsschreiben dem Zweck der angestrebten Immatrikulation dienten, so war ein ausgepr\u00e4gtes Interesse an Politik bereits vorhanden. Von den k\u00fcnftigen Eliten des Arbeiter-und-Bauernstaates erwartete man dar\u00fcber hinaus den r\u00fcckhaltlosen Einsatz f\u00fcr den neuen Staat, bis hin zur Selbstaufgabe. Immer wieder h\u00f6rte man in dieser Zeit Klagen, sogar von den \u00fcberzeugtesten Studentenfunktion\u00e4ren, das unter der Last der \u201egesellschaftspolitischen Arbeit\u201c ein Studium kaum noch zu absolvieren sei. Mit diesen l\u00e4stigen Formalien wurde zugleich ein starker Zwang zur Anpassung auf alle Andersdenkenden erzeugt.<\/p>\n<p>Zu den \u00c4u\u00dferlichkeiten geh\u00f6rten beispielsweise die fl\u00e4chendeckende Einf\u00fchrung der FDJ- und Studiengruppen, der massive Druck zum Eintritt in die FDJ und der Zwang zur Teilnahme an \u201egesellschaftlicher Arbeit\u201c. Innerhalb von zwei Semestern stieg der Organisationsgrad der in der FDJ erfassten Studenten von 47% im Juli 1949, auf 90% im Oktober 1950. Zu den Schritten der sozialistischen Machtergreifung an der Universit\u00e4t kam hinzu, das der bisher noch frei gew\u00e4hlte Studentenrat eine Dom\u00e4ne der FDJ wurde. Im Februar 1950 geh\u00f6rten nach den letzten Studentenratswahlen 22 von 24 gew\u00e4hlten Studentenrats-Vertretern der FDJ an.<\/p>\n<p><!--nextpage-->Soweit es ging, entzogen sich gro\u00dfe Teile der Studentenschaft dieser Vereinnahmung, aber zugleich bewirkte die militante Indoktrinierung auch einen Gegendruck. Mit dem Verlangen nach Information \u00fcber das Leben in der Westzone, \u00fcber die tats\u00e4chlichen Verh\u00e4ltnissen in der Ostzone bzw. DDR entstand bald der Wunsch, eigene Berichte \u00fcber die Ereignisse an der Universit\u00e4t Leipzig zu liefern und die Kommilitonen aufzukl\u00e4ren. In kurzer Zeit konnte Herbert Belter einen Kreis von Gleichgesinnten um sich scharen, die gemeinsam Zeitereignisse diskutierten und auch Informationen an den amerikanischen Sender RIAS weitergaben. Zu seinen Freuden z\u00e4hlten beispielsweise <strong>Helmut du M\u00eanil, Werner Gumpel und Siegfried Jenkner<\/strong>. Aus dem Kontakt mit dem RIAS in Berlin, zun\u00e4chst wohl als private Informationsquelle gedacht, entstand mit den massenhaft verf\u00fcgbaren Brosch\u00fcren das Problem der Weitergabe: ein Netzwerk entwickelte sich, in dem Kommilitonen Brosch\u00fcren an Freunde innerhalb ihrer Fakult\u00e4ten weitergaben. Das eigene Denken wollte man sich ohnehin nicht verbieten lassen. Aber darf man das eine Organisation, eine strukturierte Gruppe nennen?<\/p>\n<p><strong><div class=\"su-pullquote su-pullquote-align-left\">\u201cWir waren \u00fcberhaupt keine Gruppe&#8230; ein paar Studenten haben sich in der Mensa beim Essen oder abends bei einer Veranstaltung getroffen, wie man so lebt und \u00fcber die Zeiten schimpft&#8230; <\/div><\/strong><\/p>\n<p>\u201cWir waren \u00fcberhaupt keine Gruppe&#8230; ein paar Studenten haben sich in der Mensa beim Essen oder abends bei einer Veranstaltung getroffen, wie man so lebt und \u00fcber die Zeiten schimpft&#8230; Gelegentlich sind wir nach Berlin gefahren, aus privaten Gr\u00fcnden, da hatte man von der ganzen Verwandtschaft eine lange Liste, was man aus West-Berlin alles mitbringen mu\u00dfte,&#8230; da haben wir abgeklappert, wo man kostenlos Sachen bekommen konnte &#8230; British Information Centre, Maison de France, RIAS, Amerika-Haus, Gesamtdeutsches Referat des VDS [Verband Deutscher Studentenschaften] &#8211; da konnte man einfach reingehen&#8230;. das habe ich dann Belter gegeben und Belter hat wieder andere kennengelernt, Chemiker und Zahnmediziner&#8230; Das ist alles gewesen\u201d, erinnert sich Siegfried Jenkner.<\/p>\n<p><!--nextpage-->Aber die Resonanz, auf die die Freunde unter den Studenten, trotz aller Angst und allem \u00f6ffentlichen Anpassungsdruck stie\u00dfen, muss ermutigend gewesen sein. Denn die kritische Geisteshaltung der Intellektuellen lie\u00df sich nicht so einfach ausschalten wie von den Machthabern erhofft, so konnte die CDU-Hochschulgruppe einen kleinen Erfolg im Dezember 1949 erzielen: eine von der FDJ ausgelegte Gru\u00dfadresse zum 70. Geburtstag Stalins unterschrieben dank intensiver Gegenpropaganda weniger als die H\u00e4lfte der Studierenden. Das n\u00e4chste Debakel f\u00fcr FDJ und SED ereignete sich bei den Studentenratswahlen im Februar 1950. Sie wurden unter dem \u201cAspekt der Nationalen Front des demokratischen Deutschlands\u201d durchgef\u00fchrt. Begleitet von Aufm\u00e4rschen der FDJ und \u201cagitatorischen Darbietungen\u201d stilisierte man die Wahlen zu einem Sieg der \u201cdemokratischen Kr\u00e4fte\u201d hoch, obwohl der Anteil der ung\u00fcltigen Stimmen und der Stimmen f\u00fcr CDU- und LDP-Kandidaten mit 48 % h\u00f6her lag als der Stimmenanteil, der auf die SED entfiel (45 %). So fand dann die erste, konstituierende Sitzung des neugew\u00e4hlten Studentenrates in einem Leipziger Gro\u00dfbetrieb statt, wo man auf die Hilfe des Proletariats bei eventuellen St\u00f6rversuchen von \u201cReaktion\u00e4ren\u201d hoffen konnte.<\/p>\n<p>Auf Belter muss das aber alles unbefriedigend gewirkt haben, er will einen gr\u00f6\u00dferen Personenkreis erreichen. Ende Juni 1950, kurz nach dem Beginn des Korea-Krieges, sah Belter eine Gelegenheit mit weiteren Kommilitonen offen zu sprechen. In der Wohnung von Karl Miertschischk berichtete er \u00fcber seine Kontakte nach Berlin (West) und bittet um Unterst\u00fctzung beim Verteilen der erhaltenen Brosch\u00fcren.<\/p>\n<p><strong><div class=\"su-pullquote su-pullquote-align-left\">An der Universit\u00e4t startete die FDJ mit einem Aufruf \u201c10 Tage Kampf und Organisierung des Sieges der Liste des demokratischen Deutschlands\u201d&#8230;<\/div><\/strong>Kaum aus den Semesterferien zur\u00fcck, will Belter mit einer Flugblattaktion gegen den geplanten Wahlbetrug bei den Volkskammerwahlen auf die neue, diesmal rote Diktatur aufmerksam machen. Die Wahlen zur Volkskammer am 15. Oktober 1950 waren f\u00fcr die SED eine besonders sensible Angelegenheit, nicht nur, weil es die ersten Wahlen in der DDR \u00fcberhaupt waren, sondern auch weil sie auch noch als Blockwahl der Nationalen Front durchgef\u00fchrt wurden. Das bedeutete f\u00fcr die W\u00e4hler keine wirkliche Auswahl unter verschiedenen Kandidaten und Parteien, sondern lediglich die Best\u00e4tigung der aufgestellten Kandidaten der Nationalen Front, in der die SED \u00fcberdurchschnittlich stark vertreten war. \u00dcberall wurden deshalb Propagandakampagnen initiiert. An der Universit\u00e4t startete die FDJ mit einem Aufruf \u201c10 Tage Kampf und Organisierung des Sieges der Liste des demokratischen Deutschlands\u201d, in der man vom 5. bis 15. Oktober die Studenten zur Wahl der Einheitsliste gewinnen wollte.<\/p>\n<p><strong><!--nextpage--><div class=\"su-pullquote su-pullquote-align-left\">\u201cAm Abend des 4. Oktober begaben sich mein Freund Helmut du M\u00eanil und ich auf die Stra\u00dfe und verklebten 10 rote Flugbl\u00e4tter an die Litfa\u00dfs\u00e4ulen in der N\u00e4he des Bahnhofs, des Nordplatzes und der Rosa-Luxemburg-Stra\u00dfe. ..&#8220;<\/div><\/strong>Die geplante Gegenaktion von Belter endete jedoch in einem Fiasko. In den Vernehmungsprotokollen Belters durch die Staatssicherheit liest es sich so: \u201cAm Abend des 4. Oktober begaben sich mein Freund Helmut du M\u00eanil und ich auf die Stra\u00dfe und verklebten 10 rote Flugbl\u00e4tter an die Litfa\u00dfs\u00e4ulen in der N\u00e4he des Bahnhofs, des Nordplatzes und der Rosa-Luxemburg-Stra\u00dfe. Au\u00dferdem warfen wir von den kleinen Erg\u00e4nzungszetteln etwa 100 St\u00fcck auf die Stra\u00dfe. Dann begaben wir uns auf den Weg nach Hause, wo wir verhaftet wurden.\u201d<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Helmut du M\u00eanil, der in Leipzig angemeldet war und sich ausweisen konnte, aus der n\u00e4chtlichen Polizeikontrolle frei davonkommt, nahm man den unbekannten Belter mit auf die Wache. Dort fanden sich bei ihm weitere suspekte Gegenst\u00e4nde: ein Brief aus Westberlin und Westgeld.<\/p>\n<p>Am folgenden Morgen f\u00fchrte die Polizei eine Wohnungsdurchsuchung bei ihm durch \u2013 und entdeckte dort Flugbl\u00e4tter und Schriften, die f\u00fcr seine sofortige Verhaftung, und wenig sp\u00e4ter auch seiner Kommilitonen ausreichten.<\/p>\n<p><strong><!--nextpage--><div class=\"su-pullquote su-pullquote-align-left\">\u201eBelter wurde daf\u00fcr verurteilt, das er im Juni 1950 bei einem Aufenthalt in Westberlin Verbindung zu L\u00f6wenthal, einem Mitarbeiter der Rundfunkstation RIAS, aufnahm, von dem er die Aufgabe erhielt, Spionageinformation zu sammeln und eine Gruppe zur Verbreitung antisowjetischer und antidemokratischer Literatur sowie von Flugbl\u00e4ttern in der Ostzone Deutschlands zu gr\u00fcnden.\u201c<\/div><\/strong>Die deutsche Polizei verhaftet neun Studenten und einen Handwerker, verh\u00f6rt sie und liefert sie schlie\u00dflich entgegen den gesetzlichen Bestimmungen an den russischen Geheimdienst aus. Damit konnte die Polizei einen \u201eErfolg\u201c gegen\u00fcber der misstrauischen russischen Besatzungsmacht verbuchen. Unter dem Stalinschen Terrorsystem war den Russen die Beute willkommen, ja es gab sogar ein gewisses Plan-Soll f\u00fcr die zu verhaftenden \u201eReaktion\u00e4re\u201c in den Zeiten des sich \u201eversch\u00e4rfenden Klassenkampfes\u201c. Bereits kurz nach ihrer Verhaftung wurde den Beteiligten von den Russen ein kurzer Prozess gemacht. Die Verhandlung vor dem sowjetischen Milit\u00e4rtribunal war nicht mehr als eine Farce. Am 20. Januar 1950, nach dem zweiten\u00a0 Verhandlungstag, waren die Urteile gef\u00e4llt. Herbert Belter wurde als R\u00e4delsf\u00fchrer zum Tode verurteilt, die Urteilsbegr\u00fcndung lautet: \u201eBelter wurde daf\u00fcr verurteilt, das er im Juni 1950 bei einem Aufenthalt in Westberlin Verbindung zu L\u00f6wenthal, einem Mitarbeiter der Rundfunkstation RIAS, aufnahm, von dem er die Aufgabe erhielt, Spionageinformation zu sammeln und eine Gruppe zur Verbreitung antisowjetischer und antidemokratischer Literatur sowie von Flugbl\u00e4ttern in der Ostzone Deutschlands zu gr\u00fcnden.\u201c<\/p>\n<p><strong><div class=\"su-pullquote su-pullquote-align-left\">\u201eIch habe mich illegal bet\u00e4tigt, weil ich unzufrieden war mit der Situation an der Leipziger Universit\u00e4t, wir hatten keine Gewissensfreiheit, keine Redefreiheit und keine Pressefreiheit.\u201c<\/div><\/strong>Die anderen Mitangeklagten Otto Bachmann, Ehrhardt Becker, Peter Eberle, Rolf Gr\u00fcnberger, Werner Gumpel, G\u00fcnter Herrmann, Siegfried Jenkner und Karl Miertschischk\u00a0 erhalten, bis auf Hans-Dieter Scharf (10 Jahre) alle das gleiche Urteil: 25 Jahre Zwangsarbeit. Aus den russischen Vernehmungsprotokollen gehen die Motive ihre Handelns klar hervor, Belter selbst sagte vor Gericht: \u201eIch habe mich illegal bet\u00e4tigt, weil ich unzufrieden war mit der Situation an der Leipziger Universit\u00e4t, wir hatten keine Gewissensfreiheit, keine Redefreiheit und keine Pressefreiheit.\u201c<\/p>\n<p><!--nextpage-->Nach Aussagen der \u00dcberlebenden kann zun\u00e4chst kaum einer der Verurteilten fassen, welche Strafe \u00fcber sie verhangen wird. Allzu unwirklich erscheint ihnen das in russischer Haft Erlebte und die Urteile.<\/p>\n<p>Doch es war durchaus real. Nach dem Urteil wurde Herbert Belter sofort von den anderen isoliert und wahrscheinlich per Bahn nach Moskau gebracht. Wie Herbert Belter, verschwanden auch die anderen neun Verurteilten scheinbar spurlos, ihre Angeh\u00f6rigen bleiben \u00fcber ihr Schicksal im Unklaren. Nachforschungen der Eltern und Geschwister bei deutschen und russischen Beh\u00f6rden verliefen im Sande. Den \u00dcberlebenden in den russischen Zwangsarbeitslagern wurde erstmals im Jahre 1953 ein brieflicher Kontakt mit ihren Angeh\u00f6rigen erlaubt. Auf offenen Feldpostkarten durften sie ein zensiertes Lebenszeichen senden. Die Hoffnung fei zu kommen, begann sich erst nach Stalins Tod wieder zu regen. Im Dezember 1953 kehrten die ersten nach Hause zur\u00fcck. Werner Gumpel, Siegfried Jenkner und Karl Miertschischk allerdings blieben noch bis in das Jahr 1955 als \u201eZivilinternierte des letzten Krieges\u201c in den Straflagern.<\/p>\n<p><strong><div class=\"su-pullquote su-pullquote-align-left\">\u201e&#8230; ihm im Hinblick auf seine Jugend und da er durch sein Handeln der Sowjetunion keinen Schaden zugef\u00fcgt habe, das Leben zu erhalten.\u201c <\/div><\/strong><\/p>\n<p>\u00dcber das weitere Schicksal Belters bestand noch jahrelange Ungewissheit. Der Mantel des Schweigens l\u00fcftete sich erst nach 1990, als die russischen Archive ge\u00f6ffnet und eine offizielle Rehabilitierung ausgesprochen wurde. Dort fand sich ein Gnadengesuch vom M\u00e4rz 1951, indem er bat \u201e&#8230; ihm im Hinblick auf seine Jugend und da er durch sein Handeln der Sowjetunion keinen Schaden zugef\u00fcgt habe, das Leben zu erhalten.\u201c Es half nichts. Die Milit\u00e4rstaatsanwaltschaft wies es wegen der \u201ebesonderen Gef\u00e4hrlichkeit der ver\u00fcbten Straftat\u201c zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Am 28. April 1951 wurde Herbert Belter in Moskau insgeheim erschossen. Heute befindet sich seine letzte Ruhest\u00e4tte auf dem Friedhof f\u00fcr Schwerverbrecher in Moskau-Donskoj, in einem Massengrab zusammen mit der Asche der Hingerichteten des Jahres 1951.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Universit\u00e4t Leipzig widmete seinem Andenken 1996 eine Ausstellung.<\/p>\n<p>Dr. Gerald Wiemers \/ Jens Blecher<\/p>\n<p>Anlage:<\/p>\n<p>Bild von Herbert Belter, Aufnahme um 1949, Bildherkunft: BStU Leipzig<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Literatur:<\/p>\n<ol>\n<li>Wiemers, Gerald\/ Blecher, Jens: Studentischer Widerstand an der Universit\u00e4t Leipzig 1945-1955. zweite Auflage, Beucha 1998.<\/li>\n<li>Kr\u00f6ning, Waldemar\/ M\u00fcller, Klaus-Dieter: Anpassung \u2013 Widerstand &#8211; Verfolgung. Hochschule und Studenten in der SBZ und DDR. 1945-1961. K\u00f6ln 1994.<\/li>\n<\/ol>\n[Blecher, Jens \/Wiemers, Gerald: \u201eHerbert Belter\u201c in: Opposition und Widerstand in der DDR. Politische Lebensbilder. Herausgegeben von Karl Wilhelm Fricke, Peter Steinbach und Johannes Tuchel, M\u00fcnchen 2002, S. 187-193.]\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Plakat: Volkskammerwahl am 15.10.1950: Gesunde Wirtschaft &#8211; Gesicherte Mark.<\/p>\n<p>Plakat: Volkskammerwahl am 15.10.1950: Auferstanden aus Ruinen.<\/p>\n<p>Plakat: Karte von Europa<\/p>\n<p>Plakat: Landkarte der UdSSR, Konzentrationslager, Gef\u00e4ngnisse und psychiatrische Haftanstalten<\/p>\n<p>Plakat: Gebietskarte der Region Workuta<\/p>\n<p>Plakat: Auszug aus dem Strafgesetzbuch der UdSSR<\/p>\n<p>Plakat: Fotographie von H\u00e4ftlingsutensilien<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herbert Belter, erschossen am 28. April 1951 \u201eIch habe mich illegal bet\u00e4tigt&#8230;\u201c m Jahre 1955 kehrten, als ein Ergebnis des Besuchs von Konrad Adenauer in Moskau, auch\u00a0 drei ehemalige Studenten aus den Sowjetunion nach Deutschland zur\u00fcck. 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